Hat man es erst einmal in den Bregenzer Wald geschafft, so konzentrieren sich die höchsten Erlebnisse eigentlich auf ein recht kleines Fleckchen Erde rund um die Ortschaften Mellau, Au, Schoppernau und Damüls. Klein ist das Areal allerdings nur im flächenmäßigen Sinne – Berge wie die Kanisfluh und Passhöhen wie das Furkajoch schaffen zeitfressende und himmlische Hindernisse.

Der längste und schönste Umweg von Mellau nach Au ist gut beschildert. Er führt zunächst durchs Mellental (Bilder oben und unten), vom Ortskern Mellau zur Lindachalpe. Von dort folgt man dann lange Zeit den Schildern zur Wurzachalpe, passiert dabei so allerlei und hält schließlich nach der Edelweißhütte links nach dem erstbesten Bikeverbotsschild Ausschau. Dessen Daseinszweck umkehrend verlässt mancher Fahrer nun die vorgesehene Radroute und lässt es etwas kurzweiliger (hoffentlich dennoch umsichtig) nach Au hinab rollen. Alles in allem sind das rund 32km Länge und etwa 1200 Höhenmeter.

Im wesentlichen hält man sich dabei an diese Tour:
Rund um die Kanisfluh
… nur eben andersrum und um Schließung des Kreises (Rückweg) gekürzt. Es gibt unter dem angebenen Link eine GPX-Datei für den Navi, den man allerdings kaum braucht; denn die Beschilderung ist wie schon erwähnt beinahe perfekt. Ums nackte Überleben muss man sich wegen der gastromischen Dichte (Alpen) unterwegs kaum Sorgen machen. Besonders empfiehlt sich der leckere and fast brutal preiswerte Ziegenkäse, der auf den bäuerlichen Terrassen serviert wird. Derart gestärkt dürften verbissene Biker nach dieser Etappe noch mühelos den Aufstieg nach Damüls schaffen. Gemütliche ziehen eine Übernachtung in Au vor, um erst am Folgetag gen Furkajoch zu starten. Alternativ zum Joch ließe sich eine mehrtägige Tour auch ins Allgäu oder zum Kleinwalsertal fortsetzen (mehr dazu im nächsten Beitrag).

Da die Etappe Mellau-Au auf der Straße kaum zehn Kilometer und höchstens 100 Höhenmeter betrüge, könnte der Mehrtagestourer die abseitige Route über die Kanisfluh auch als einen Pass ohne zwingenden Sinn betrachten, – was das Vorhaben aber nicht lächerlich machen sollte. Zum Ausgleich für den streckentechnischen Nulldurchlauf bietet der Abstecher schon in relativ geringer Höhe ein einigermaßen hochalpines Erlebnis; und das ohne wirklich üble Steigungen als Preis der Erfahrung.

Mit rund 1650m ist der höchste Punkt der Tour noch unbestritten mit Atmosphärensauerstoff erreichbar. Gelegentlich rollt man sogar ein paar Meter bergab – und außerdem gilt die mächtige Kanisfluh sowieso als Markenzeichen des gesamten Bregenzer Waldes, womit die Sache eigentlich entschieden sein sollte. Es gehört das Erkurbeln dieses Massivs zu jeder halbwegs gründlichen Aneignung des Terrains. Anders auf den Punkt gebracht: Den Bregenzer Wald an diesem Klotz vorbei erleben zu wollen, wäre wie eine Karibik-Kreuzfahrt per U-Boot.

Während der Umrundung liegt die Baumgrenze bei etwa 1700m, teilweise auch tiefer. Kargere und schattig-bewaldete Passagen wechseln sich auf dem Weg bis zur Abfahrt nach Au fast zuvorkommend ab. Die Natur überrascht mit superber Vielfalt, die man von der Talstraße aus kaum ahnen würde. Sehr allein ist man dennoch bereits am Mellenbach und im Aufstieg zur Lindachalpe, und danach für einige Kilometer erst recht. Man sollte diese totale Abgeschiedenheit allerdings genießen, so sie andauert…

… denn in der Nähe der Mellauer Bergbahn kommt es bei gutem Wetter zu einer kleinen Bevölkerungsexplosion, die sich im folgenden Bild erst ganz sanft andeutet. Zwar bleibt sie bis auf den unmittelbaren Liftbereich überschaubar. Dennoch kann von menschenleeren Wegen vorerst nicht mehr ausgegangen werden.

Ein paar Spaziergänger, die sich den Aufstieg aus eigener Kraft erspart haben, mischen sich sogar noch bis zur Wurzachalpe unter das echtere Bergvolk, um dort eine Schlange vor dem Verkaufsfenster zu bilden. Das erhebt diesen Rastpunkt unter den übrigen bäuerlichen Nebenerwerbsküchen auf dem Berg zum regelrechten Ausflugsziel – für meinen Geschmack durchaus mit einem Anflug von Hype. Persönlich muss ich bei der Rührigkeit des Betriebs daran denken, wie ich dereinst im Freibad um Pommes anstand (das ist aber eine sehr harsche Assoziation, die vorwiegend im Kontrast zum einsamen ersten Etappenabschnitt begründet liegt. Läge der Schuppen bei Oberstaufen oder Oberstdorf, käme er mir vermutlich wie eine Auslandsniederlassung tibetischer Ruhe vor.)

Schlussendlich legt sich aber das vage empörte Gefühl, von hoch-gebeamten Städtern eingeholt worden zu sein. Es hilft natürlich der Anblick solcher Typen wie des Weißbarts in obigem Bild – der kann nämlich gar nicht anders, als authentisch berglerisch zu sein. Zudem muss ich einräumen, dass meine Artgenossen die Hänge im weiteren Verlauf der Fahrt nicht wirklich wie Termiten überziehen. Was die Gondel heraufkarrt, schafft sie meist auch wieder mit runter.

So darf sich der Bergradler trotz allem auf eine schöne, satte Schlusspassage ohne Hundebesitzer, Gesetzestextkenner und angefahrene Jogger freuen. (Dazu muss er bloß der prächtigen Versuchung widerstehen, sich kurz vor dem Abwärtstrail mit einem der hier verkäuflichen ‘Alpenschweine’ zu versorgen und es auf dem Oberrohr ins Tal zu bugsieren.)

Immerhin: Knapp 800 Höhenmeter sind es, die ein Biker ab dieser Stelle bis Au hinunter verpulvern darf. Der Schwund unterwegs beträgt also rund ein Drittel der insgesamt erfahrenen Bergaufstrecke. Wer mit Höhenmetern lieber geiziger umgeht, sollte sich besser am nahe gelegenen Diedamskopf verlustieren. Dort erlebt man derlei Verschwendung nicht, weil es nur rauf und weiter rauf geht – den Unterschied spürt man dann am Tagesende (aber auch schon lange vorher).

Was aber das erworbene Höhenkapital an der Kanisfluh anbelangt, so gilt nun eine recht häufige Ungerechtigkeit: Gesetzestreue erzielen die schlechteste Rendite – und schleifen ihre Bremsscheiben auf einem ereignislosen Wirtschaftsweg ins Tal. Unten angekommen, fühlt sich dann mancher zu recht um den Tageslohn betuppt. Für Outlaws stehen die Aussichten hingegen rosiger. Aber das kennt man ja.

Diese wählen an der Gabelung nach der Edelweißhütte links den Weg über das Arhornen Vorsäß. Dazu müssen sie allerdings ein Bikeverbotsschild übersehen – was kein Tipp sein darf. Wer’s trotzdem tut, ergaunert sich einen schönen, flüssigen Trail… ihm sei aber geraten, es diesmal bei der einmaligen Ordnungswidrigkeit bewenden zu lassen. An der nächsten Gabelung folgt nämlich wieder eine Bikesperre linker Hand – und hier gilt dann nicht mehr, dass Verbote nur gespiegelte Empfehlungen sind. Bei der nunmehr doppelt(?) illegalen Variante winkt als Strafe eine fummelige Zisilierung des Schlusshangs mit kleinen Treppchen. Am zweiten Sperrschild also lieber rechts halten und in die Legalität zurückfahren. Dann fließt es dem Vernehmen nach leidlich. Dass man in den Kurven sehr rücksichtsvoll an etwaige Wanderer heranrollen sollte, versteht sich auf dieser Strecke von selbst.
Im Grunde dürfte der Trail nur blutigen Anfängern zu haarig sein – zumindest so weit ich ihn folgte (ich verlor mich zum Schluss in der bekloppten Treppchen-Akrobatik). Somit taugt er kaum zum unbestrittenen Tourenhöhepunkt, vermeidet aber immerhin einen faden Abgangsrülpser der Tagesmühen. Das täuscht natürlich nicht über die verschwommene Scham hinweg, den örtlichen – möglicherweise auch mal durchdachten – Regelungsversuchen einen durchreisenden Stinkefinger gezeigt zu haben. Ein bisschen ist das eben doch, als rauchte man im Ausland in der U-Bahn. Zuhause gelingen solche Befreiungsschläge eleganter und stolzer, weil man sich dort (moralisch) im Recht weiß.

Das war’s aber auch schon mit meinen Gewissensbissen und Ausführungen zu dieser Etappe. Viel Muskel wird jetzt nicht mehr verbraucht. Und das Gewissen setzt sich halt durch – oder eben nicht. Oben ein letzter Blick auf die gehobene Bergwelt…

… und schon findet sich das verdreckte Zweirad im Tal bei Au wieder – einem äußerst gastlichen Örtchen, das sich durch auskunftsfreudige Bewohner und sehr zivile Preise auszeichnet.
Ich übernachtete und frühstückte hier letztens für mickrige 23 Euro in einem wunderschönen Holzhaus bei einer lieben alten Bäuerin und den Andenken ihres langen Vorarlberger Lebens – darunter einem Aschenbecher mit der Aufschrift “Rock and Roll and Roses”. Morgens gab es den besten Schinkenspeck der Welt auf dicken, frischen Weißbrotschnitten. Abends zuvor hatte ich die Metropole zu Fuß erkundet, bevor ich friedlich auf der Terrasse eindöste und mein Bett erst gegen Mitternacht fand.
Übrigens: Wahrscheinlich gelang es mir sogar, den Ortskern zu identifizieren und fotografisch festzuhalten. Ganz sicher bin ich mir da nicht.

Ob aber im pulsierenden Zentrum oder daneben, sollte man sich nun – idealerweise beim Abendessen – langsam Gedanken um die Weiterfahrt machen. Wer beispielsweise ins Allgäu will, wende den Blick zum Diedamskopf und dessen benachbarte Sättel (dazu demnächst mehr). Hingegen müssen sich Fahrer mit Zielen wie Montafon, Rätikon oder Bahnlinie um die Weiterfahrt nach Feldkirch kümmern. Das führt dazu, sich mit dem Furkajoch oberhalb von Damüls anzufreunden – keine absolut leichtfüßige Vorstellung, wie ich einräume. Es gibt aber wirklich auch Wilderes.

Bei gutem Wetter würde ich den zunächst bewaldeten und straßenabseitigen Weg über Faschina nach Damüls wählen, um die Jochstraße nur für die letzten fünf Kilometer des Aufstiegs zu bemühen. Damit addiert man zwar ein paar Höhenmeter zum Gesamtbudget, schenkt sich aber weitgehend das traute Zusammenspiel mit den Motorrad-Freaks. Dergleichen ist aber manchmal nur Planspiel. Angesichts des wirklich starken Regens am ersten Augustsonntag sah ich mich kürzlich zu einem schäbigen Cheat veranlasst. Der beinhaltete nicht nur die Asphaltstraße nach Damüls, sondern schon bald auch den Postbus (dessen Fahrer ich etwas mühsam zur Bike-Mitnahme überreden konnte).

Dennoch verließ ich den Skiort Damüls bereits klatschnass, um die letzten 400 Höhenmeter auf das Joch zu erradeln. Meine Bilder von diesem Tag erzeugen fast sämtlich Assoziationen mit Schottland – es fehlen die Aussichten und es regiert die einfachste Formel: 2H + O. Nur vereinzelte, fanatische Motorradler aus Wuppertal oder Eindhoven brachen den Rhythmus des Regens. Meine Kamera konnte sich über nichts so richtig freuen, gefiel sich in düsterer Poetenpose.

Weil das ziemlich einseitig werden könnte, bemühe ich an dieser Stelle kurz die Fotokünste meiner Frau, mit der ich das Furkajoch (1761m) schon einmal bei besserer Witterung besichtigt hatte. Hier der Blick von der Passhöhe nach Nordosten:

Heerscharen von Motor- und Rennradfahrern hatten sich seinerzeit vor der Imbisshütte auf der Höhe versammelt. An- und Abflüge wie an einem Bienenstock. Hamburger, Kaffee, Zigarette, Geschirr zurückbringen… Motorendonnern, Schichtwechsel.

Oben hingegen: “Zum Charly” am 7. August 2011. Selbst die genial gewürzte Hauswurst mit noch schmackhafterem Kartoffelsalat bot kein Trost – mir nicht und dem Wirt (Charly?) auch nicht. Während letzterer ein paar gesamtkonjunkturelle Gedanken über den Sommer und den Tod der Gerechtigkeit formulierte, arbeitete ich beharrlich an der Wiederherstellung einer Beziehung zu meinen halb erfrorenen Fingern.
Unten ein Bild der routentechnischen Aussichten bei etwa neun Grad und anhaltendem Regen. Der ansatzweise erkennbare Trail nach Bad Laterns war kaum zu fahren, weil vorwiegend heftigst vermatscht und ansonsten nur rutschig. Zudem drohte die Unterkühlung. Nach einer Weile hielt ich mich lieber an die gottlob noch nahe Jochstraße: immerhin aber auch 18 Kilometer Frierpartie bis Rankweil.

Sollte ich die Fahrt eines Tages bei besserem Wetter optimieren, so nähme ich rechts bei Bad Laterns die Abzweigung durch den Wald nach Mazona, um von dort – wie ich in einem Blog einmal las – über Laterns und Suldis auf eine “hammergeile” Abfahrt nach Rankweil zu stoßen (mehr stand da nicht). Das hatte ich eigentlich auch vor und fand sogar einen ersten entsprechenden Wegweiser, begrub aber auch diesen Plan wegen der nassen Kälte. Ob ich bei derart spärlichen Angaben auch besagten Trail entdeckt hätte, steht in den Sternen. Aber “hammergeil” wäre mir das Risiko eines vergeudeten Umwegs schon wert gewesen. Im Gegensatz zu richtigen Erwachsenen kann ich mir unter dem Ausdruck durchaus etwas vorstellen (wohingegen mich durchschnittlichere Routenbeschreibungen oft mit abgehalfterten Adjektiven kirre machen).

An diesem Wasserfall bei Rankweil versagten meine Finger schon beim Fotografieren. Ein Beistehender half mir freundlicherweise, das Motiv dennoch zu verewigen, – fand meine eigene Präsenz im Bild aber unerlässlich. Persönlich denke ich, dass man den Wasserfall dadurch kaum noch sieht, wohl aber meine Abgeschlafftheit.
Wenige Kilometer weiter fand ich vor Feldkirch ein sogenanntes Motel mit Grillstube, in der rein gar nichts lecker, nett oder preiswert schien. Auf der Toilette zog ich trockene Klamotten an. Zwei Kaffee verdrückte ich trotz des blamablen Preis-Leistungsverhältnisses. Dann fuhr ich in Richtung Innenstadt. Der Temperaturanzeige meines Radcomputers entnahm ich inzwischen eine Aufwärmung auf über 20 Grad im Tal. Dazu passte die Kurzärmeligkeit der Rennradler, die mich ständig überholten. Subjektiv fand ich die Messung schamlos optimistisch und zitterte weiter wie ein Nacktflitzer auf Grönland.

Langes Nachfrieren auch im historischen Stadtkern, wo ich in verschiedenen und unterschiedlich warmen Cafés den Kuchen probierte und versuchte, mich für die Geschichte der Gegend zu interessieren. Da gab es Montforts, Habsburger und Liechtensteiner, Jesuiten und eine Burg – das alles entnahm ich einem Faltblatt, hatte aber bei erneut einsetzendem Regen so gar keine Lust, mir die Zeugnisse dieser Vergangenheit draußen anzuschauen.
Da aber Menschenverstand dem dem Homo Sapiens eigentlich ein Fremdwort ist, rückt das Gehirn solche Torturen schon bald in ein verblüffendes Licht. Unter der Gedächtnisrubrik “Abenteuer” verbirgt sich so manche Vollpleite im Leben – womit ich aber eigentlich nur die allerletzten Stunden der Tour und ihre Nachwehen meine. Und so bleibt inzwischen der Wunsch: An dieser Stelle möge im nächsten Jahr die Fahrt ins Montafon beginnen.
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