An Ahr und Mosel in die Eifel

Ahrradweg und Mosel-Camino verbinden den Rheinsteig mit dem Eifelsteig. Am Ufer der Ahr fühlen sich Mountainbiker aber wie Falschgeld. Die Mosel-Route auf Pilgerspuren lässt sich da vielversprechender an. Allerdings fehlt hier oft die Abgeschiedenheit.

Der Ahrradweg ist schnell beschrieben: Wenn man den Rheinsteig bei Linz verlässt, nach Remagen-Kripp mit der Fähre übersetzt und ein kurzes Stück rheinaufwärts fährt, kommt an der Ahrmündung bei Sinzig eine überdachte Holzbrücke. Die ist auch schon das Spannendste am immerhin gut ausgeschilderten Weg, der freilich auch nicht für uns Mountainbiker gezeichnet wurde, sondern eher Familienanspruch hat. Der Rest sind also: knapp 80 Kilometer und gut 500 Höhenmeter entlang dem Rotweinfluss Ahr zu seiner Quelle in Blankenheim am Eifelsteig. Auf befestigtem Untergrund ist dies Grundlagentraining und eventuell auch Erholung von einer Rheinsteigstrapaze. Immerhin ebbt der Wein- und Ausflugskommerz nach Ahrweiler ab, und die Landschaft lässt sich genießen. Man sieht Fliegenfischer am Fluss und genießt soetwas wie eine Spielpause, bis das eigentliche Biken am Eifelsteig wieder losgehen kann. Mit sehr viel Glück trifft man einen ortsansässigen Hobbygenossen und erhält Wind von einem lohnenden Umweg. Mir ist das bloß einmal passiert – und überdies bestand seine Alternative nur darin, einen Weinberg per Kiesweg hoch und runter zu fahren. Allenfalls sehr kurz sind auch Ausweichpfade am Flussufer selbst. Fast am meisten Abwechslung bietet noch ein Tunnel im Bereich einer früheren Bahntrasse.

Der Ahrradweg hat für mich die Funktion einer Autobahn, dient nur der Beförderung zwischen interessanteren Dingen. Auf einer längeren Reise mag das angehen. Im Rahmen einer Wochenendtour nagt er aber unverhältnismäßig am Zeitbudget. Ich weiß, wovon ich rede: Im Oktober 2010 jagte ich an einem Samstag von Bonn über Teile des Rheinsteigs nach Rhöndorf, von dort per Straße nach Linz – und dann den gesamten Ahrradweg hoch. Bei Blankenheim übernachtete ich in einer Gaststätte. Die übrigen Abendgäste waren rund 20 Mitglieder einer gewesenen Schulklasse, ungefähr in meinem Alter, ein bisschen laut. Immer wenn ich von meinem Tisch zur Toilette ging, konnte ich ihre Diaschau sehen und wurde in die 70er zurückversetzt: schlechter Farbfilm für vergessen geglaubte Farben. Das war einigermaßen spannend – der Rest der Tour mit wenigen Ausnahmeerlebnissen eine hoch anstrengende, aber dennoch fade Rallye ohne Gegner. Genau noch der Sonntag blieb mir für die Eifelsteigsetappen zwischen Blankenheim und Aachen. Viel zu wenig Zeit, wie man unschwer ahnt.

Offiziell wären das an einem Tage 116 Kilometer und 2635 Höhenmeter im Gelände gewesen, aber ich verwässerte das Vorhaben realistischerweise sehr bald mit Straßeneinlagen. Bei schon deutlich frühem Sonnenuntergang und Verpflichtungen am Montag schien das kaum anders möglich; denn die Bahn begleitet den Eifelsteig keineswegs so ergeben wie den Rheinsteig. Ob die Busse Fahrräder mitnehmen würden, konnte mir keiner sagen. Aachen musste also zwangsläufig per Kurbelkraft erreicht werden. Zugegeben: Ohne Asphaltpassagen hätte ich das auch kaum am längsten Juni-Tag geschafft.

Als ich an oben abgebildeter Kaffeebude pausierte, hatte ich noch keine nennenswerten Trails auf dem Eifelsteig erlebt, – und dabei blieb es großenteils. Möglicherweise umfuhr ich die besten aber auch nur. Die Budenbesitzer konnten mir dazu wenig sagen, aber die Pause bei ihnen gefiel mir dennoch. Ich habe ein Faible für Orte, die nicht nur abseits der hauptsächlichen Verkehrsadern und des Massentourismus liegen, sondern auch fernab aller anderen Hypes und Rangeleien um ästhetische Sonderstellung. Unaufstrebende Orte, an denen der Tag ganz unspektakulär abgewickelt wird. Solche Flecken erden jede Art von Reise, verleihen ihr die Glaubwürdigkeit.

Manche Landschaften haben eine ähnliche, unaufgeregte Erdungsfunktion. Das Hohe Fenn im kurzen belgischen Teil des Eifelsteigs gehört dazu. Dieses Hochmoor ist zwar weder sehr abwechslungsreich noch im eigentlichen Sinne grandios – aber dennoch frappierend. Es behauptet sich einfach: flach, gelbgrün, stellenweise bewaldet, sonst nur nass. Ziemlich spaßig ist es, auf den Holzstegen durch die Gegend zu fahren… im Ausrutschfall aber auch folgenreich. Man fiele zwar weich, aber überaus wässrig. Dann stünde in triefenden Klamotten eine lange, kalte Abfahrt nach Aachen an. Doch zurück zum Landschaftscharakter: das Hohe Fenn spricht irgendwie Klartext. Wer es bislang nur aus dem Autofenster erblickt hat, widme ihm bei Gelegenheit eine Stunde, zumindest zu Fuß.

Inzwischen ist mir klar, dass Rheinsteig-Eifelsteig-Kombinationen auch ausschnittweise keine Wochenendprojekte sind, und dass sie außerdem am besten per Mosel-Camino zustande kommen. Das gilt jedenfalls, so weit ich diesen bislang beschnuppert habe. Stringenter wäre eine solche Planung sowieso: Der Rheinsteig wäre sauberer halbiert – nämlich bei Koblenz – und den Eifelsteig erwischte man gleich von Anfang an in Trier. Bei mir dürfte der Ahrradweg also ausgedient haben – er mag allenfalls auf gebrechlichere Tage warten.

Weil der Mosel-Camino zum Pilgerkomplex Jakobsweg gehört, ist sein Wegweiser die gelbe Jakobsmuschel auf blauem Hintergrund, – einigermaßen ausreichend unterwegs angebracht, wie ich erlebte. Das beginnt im Koblenzer Stadtwald bei Stolzenfels, wo es schon halbwegs steil bergauf geht… dies bereits im krassen Unterschied zum Ahrradweg. Auf rund 180 Kilometern und gut 4200 Höhenmetern läuft es dann flusslauforientiert aber bergfreudig weiter – auch in der Standardversion mit einem gewissen Trailanteil in den steilen Weinhängen und im Hunsrück. Zumindest gilt dies für das erste Streckenviertel. Darüber hinaus fehlen mir die Erfahrunswerte, doch wäre ich zuversichtlich.

Die Wallfahrtskirche auf dem Bleidenberg bei Alken ist nach fast 20 Kilometern ein wichtiger Meilenstein für die Pilger, die hier ihre Stempel bekommen. Für Biker birgt die Stelle eine Gewissensentscheidung; denn hier führen zwei recht unterschiedliche Pfade ins Tal hinunter (Blick dorthin im nächsten Bild). Der schwierigere bietet fast schon eine Alpenübung, ist uns Bergradlern aber leider verboten. Der längere und flottere soll sich gut zum Trostpreis eignen. Ich entschied mich für die Ordnungswidrigkeit und ließ ihn rechts liegen.

Das war trotz superber Strecke kein ungeteiltes Vergnügen. Der Sheriff erwischte mich erwartungsgemäß nicht – gleichwohl mutierte der reichlich kniffelige Steig zum mentalen Spießrutenlauf. Wegen der exponierten Wegführung oberhalb des Dorfes hat man das genierliche Gefühl, vor Publikum zu fahren. Zudem gibt’s als Lohn einen Kulturschock: Unten am Flussufer reihen sich die Konsumterrassen wie Flohmarktstände. Dieser regelrechte Kommerzstreifen zollt der halbwegs halsbrecherischen Abfahrt überhaupt keinen Respekt… aber was habe ich eigentlich erwartet?

Das ist nun einmal waschechte KuK-Kulisse (Kaffee und Karaffe) – ein gastronomisches Ballungsräumchen, wie sie an der Mosel alle paar Kilometer vorkommen. Dummerweise scheint nur dort, wo die Rieslingpokale auf die Tische schlabbern, auch der Königstrail durch die Weinberge garantiert. Die nun einmal flussnahen Stufen und Serpentinen im Schiefer signalisieren vollmundige Bike-Etüde, die den Abstieg auf die summende Promenade fast rechtfertigt… wäre da nicht dieses saupeinliche Gefühl, sich wie ein Volleyballspieler am überfüllten Strand aufzuführen. Ein bisschen Rüpel halt, aber auch ein bisschen Clown. Es fehlt die Einsamkeit, die zum sauberen Biken gehört. Man pickt sich den Weg zwischen Steinen und zwischen Blicken, kriegt die Fahrinstinkte nicht recht eingeschaltet – schade um das eigentlich großartige Terrain. Wer die Gegend freilich aus motorisierter Sicht kennt, rechnet schon im voraus mit dieser Trübung. Kilometerweite Abgeschiedenheit stand nicht auf dem Programm.

Zum Aufatmen bietet sich ein tieferer Abstecher in die Natur an. Unweit des Mosel Camino liegt beispielsweise die unten abgebildete Ehrbachklamm bei Brodenbach, und dort fließen die Gastrodollars schon sehr viel spärlicher. Man übt in dieser Schlucht zwar das Bike-Tragen (auch das nennt sich dann “Alpenvorbereitung”). Das lohnt aber schon wegen des irgendwie süffigen Lichtspiels… und wegen der plätschernden Kühle im Sommer sowieso. Der tiefer gelegene, fahrbare Teil des Weges bietet allerdings keine technischen Highlights – diesbezügliche Hoffnungen hegte ich vergeblich. Aus unmöglichem Untergrund wird beim Abstieg gen Mosel fast übergangslos Trekkingradrevier. Wer das Biken einmal als Nebensache betrachten kann, holt sich dennoch Bilder fürs Leben in den Kopf. Das ist fast schon Urwald, unverwüstlich und eigengesetzlich. Weil das vorübergehend geschulterte Gefährt auch keine Tonne wiegt, scheint mir die investierte Energie gut angelegt.

Urheber: Dieter Rogge, Lizenz: http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/deed.de

Ein mögliches Haar in der Camino-Suppe sind dagegen überfüllte Pensionen – insbesondere zur Weinlese. Erneut gilt: Draußen schlafen rettet unter Umständen die Tour. An der Mosel übernachtete ich übrigens erstmals seit Jahren auf einem Campingplatz – ausnahmsweise auch mit Tarp statt Biwaksack. Diese Erfahrung hätte ich mir gut sparen können und das nicht nur, weil Leichtreisende auf einem Campingplatz wie Marsmenschen einschlagen. Da das Gelände – wie fast alle Konkurrenzbetriebe – tief und in Flussnähe lag, ergab sich erwartungsgemäß ein Tau-Erlebnis ohne mildernde Umstände. Künftig übernachte ich auch an der Mosel lieber in meinem geräumigen Goretex-Biwaksack auf der Höhe. Und bei miesestem, anhaltendem Brachialwetter: Die Dörfer sind meist zum Greifen nahe und die Bahnlinie selten weit weg. Da findet sich eben eine Überdachung – oder schlimmstenfalls der Expeditionsabbruch per Zug.

Etwas fummelig kann es auch mit den Jakobspilgern zugehen. Sie führen sich zwar nicht wie die Eigentümer der Route auf, bilden aber gern größere Gruppen und daraus kleinere Untergrüppchen, die sich wiederum locker auf ganzen Wegabschnitten verteilen. Die Wochenenden zu meiden, hilft dagegen vermutlich wenig, weil Pilgern nun einmal ein länger andauerndes Unterfangen ist. Vorsicht ist also in schlecht einzusehenden Passagen angebracht, und das wohl auch wochentags.

Ansonsten sind die Pilger ein ziemlich freundlicher Haufen, trotz ihres klaren Hangs zur Selbstkasteiung. Obwohl es für sie Wanderführer gibt, schlagen sie Packlistenvorschläge offenbar mehrheitlich in den Wind und haben ihren halben Hausstand auf dem Buckel – dessen eingedenk sind sie sogar erstaunlich zuversichtlich unterwegs. Ich selbst würde einen Rucksack dieser Größe allenfalls als Zelt nutzen. Dass auch bei solchem Gepäckgewicht “der Weg das Ziel” sein soll, wie auf dem Cover des abgebildeten Bandes behauptet, kapieren bestimmt nur ausgesprochen spirituell orientierte Reisende.

Mir persönlich ist der Spruch sowieso suspekt. Wer sein Herumirren in Tiefgründigkeit zu kleiden versucht, hängt die Latte viel höher als ich. Wenn überhaupt: Der Trail ist das Ziel. Der läppische Weg führt nur zum Trail… oder auch mal zu einer ordentlichen Metzgerfrikadelle. Das ist aber jetzt meine persönliche Banalitätsmarotte und soll weder Pilger noch sonstige Outdoor-Philosophen anpieksen. Und wenn doch: Sie fielen auf einen jämmerlichen Provokateur rein. Was weiß ich schon von bedeutungsschwangeren Dingen?

Unterm Strich bekommt der Mosel Camino trotz einiger Macken eine Vormerkung für längere Pedaliermühen; vielleicht für das Frühjahr 2012. Die Weinlese muss vorüber sein, der Winter auch, die Form wieder im Wachstum begriffen. Dann wird das schon passen. Es gibt dafür so ein blödes Modewort: Erwartungsmanagement. Diesen Part habe ich ja schon absolviert. Für den Rest sieht es nicht schlecht aus.

Intervalltraining überm Rhein

Ortskundige modeln sich den Rheinsteig um – und maximieren in ihrem Revier den Anteil der spannenden Bergabfahrten. Alle anderen halten eine Richtung ein, entweder von Bonn nach Wiesbaden oder umgekehrt. Sie nehmen die Dinge, wie sie kommen. Und sie kommen in Fülle – die Dinge – auf dieser vielleicht besten Mehrtagestour außerhalb des Alpenraums.

20110820-201819.jpg

Bei Bonn bin ich ein Kenner des Rheinsteigs und baue seine besten Trails stets abwärts in meine Touren ein – ja, ich könnte sogar noch ein paar Verbesserungsvorschläge einreichen. Dazu brauche ich weder meinen Navi noch die blau-weißen Wegweiser des Langstreckenweges. Ich kenne mich einfach aus. Anderswo an der 320 Kilometer langen Naturpfadstrecke auf den Höhen des Rheintals kennen sich andere aus – sie behandeln den Rheinsteig dort ähnlich. Es ist aber sehr unwahrscheinlich, dass überhaupt irgendjemand über die Expertise verfügt, die gesamte Strecke von Bonn bis Wiesbaden gezielt für Mountainbiker umzuschreiben, – und zwar so, dass in beiden Richtungen der Anteil bergab gefahrener Spitzentrails optimiert würde.

20110821-164329.jpg

Bei Licht betrachtet, ist dieser Umstand auch nicht besonders bedauerlich. Denn erstens würde die Existenz solcher Routen sehr schnell dazu führen, dass wir Biker als Downhill-Rowdies ganz vom Rheinsteig verbannt würden. Und zweitens fehlte solchen Alternativstrecken der Charme, dass sie ohne GPS oder Karte gefahren werden könnten… was neben den technischen und landschaftlichen Highlights der Strecke ganz entscheidend zum Fahrspaß auf dem Rheinsteig beiträgt: Follow The Yellow Brick Road. Na ja… fast. Gelb sind nämlich nur die Zubringerwege zum eigentlich Rheinsteig ausgeschildert, während die Wegweiser für die Hauptroute eben blau-weiß sind. Sie sind blau-weiß und gut sichtbar und in hoher Frequenz angebracht – und man verheddert sich deshalb nach kurzer Einnordung der Instinkte ganz selten. Der Fahrfluss ist daher einmalig – so der Fahrer halbwegs versiert ist.

Der Rheinsteig hat nämlich viele flüssige Trailpassagen – andererseits auch richtig anspruchsvolle, die nur der Experte zum Fließen bringt. Die Abfahrt nach Goarshausen kratzt an den Grenzen meines derzeitigen Könnens – und das nicht ganz schrammenfrei. Dagegen rollt es sich zwischen Linz und Hammerstein oft einfach nur gemütlich auf schmalen Pfaden… wenn nicht gerade eine Treppe bergauf geht. Der Rheinsteig kennt eben viele Gegensätze, ist im Guten wie im Bösen kurzweilig. Ich vergesse daher fast immer das Fotografieren, zumal der Rheinsteig ja auch streckenweise mein Heimatbiotop ist. So einige der Fotos für diesen Eintrag habe ich mir deshalb ausgeliehen – zu erkennen (wie beim nächsten Bild) an den Urheberangaben, wenn man mit der Maus drüber fährt. Weil andere Leute das anständige Fotografieren als Hobby haben, ist das für den Leser bestimmt ein Gewinn.

Urheber: Traveler100 (Wikipedia), Lizenz: http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode

Der Rheinsteig bietet manchmal zivilisierte Picknick-Tische. Dagegen fehlen ihm gottlob auf weiten Strecken die Tränken – zur Kneipe müssen Vatertagswanderer in die Dörfer absteigen, weshalb sie lieber gleich dort bleiben und dämliche T-Shirts tragen. Auf dem Rheinsteig muss man das Rad gelegentlich tragen und erzielt pro Kilometer und Stunde oftmals so viele Höhenmeter wie in den Alpen (aber ganz, ganz anders). Allerdings sind trotz solcher Härten die Pensionen entlang des Rheinsteigs oft zum Bersten voll. Anders als in den Alpen kann man nicht damit rechnen, im Handumdrehen ohne Reservierung ein Zimmer zu finden. Wer draußen im Wald schlafen mag, ist im Vorteil – sollte es aber eigentlich versteckt und unter etwas kniffeliger Vermeidung der dafür nicht vorgesehenen Naturschutzgebiete tun. Dabei ist ein Biwaksack übrigens viel unprovokanter als ein Zelt. Survival-Skeptiker, die sich sowohl den Biwaksack als auch den Reservierungsdruck ersparen wollen, weichen abends wohl am besten ins Umland aus. Die dortigen Pensionen sind für Wanderer vermutlich nicht so attraktiv, weil zu weit vom Weg entfernt. Den Radler kann das einigermaßen kalt lassen.

Urheber: Markus Braun, Lizenz: gemeinfrei

Der Rheinsteig ist im Prinzip auch gesellig, wenn man darauf Lust hat. Das gilt nicht nur unter Bikern, die insgesamt auch eher selten sind. Ich steige häufiger ab und gehe ein Stück mit Wanderern zusammen. Was hier aber nicht verschwiegen werden sollte: Auf dem Rheinsteig gibt es neben vielen, vielen aufgeschlossenen Wanderern auch solche, die uns Biker für Naturschlächter halten – zum Beispiel ausgerechnet an Deutschlands meistbetrampelten Berg, dem Drachenfels (Bilder am Anfang). Man muss mit ihnen umgehen können. Sie hegen sich selbst gegenüber ein sehr hehres Gefühl, an dem Rückbeschimpfungen unsererseits nicht rütteln können. Zum Ausgleich fehlen wenigstens die stupidesten der rechtschaffenen Gassigeher, weil der Rheinsteig auch zu Fuß kein technischer Pappenstil ist.

Autor: Ronald Nickel

Apropos Natur: Es gibt quasi eine eigene auf dem Rheinsteig, besonders zwischen Koblenz und Rüdesheim. Sie hat in vielen Passagen rein gar nichts mit dem zu tun, was der Autofahrer am Flußufer oder im entfernteren Hinterland zu Gesicht bekommt. Dieser schmale, unter-verwendete and streckenweise richtig wilde Streifen zwischen Weinhängen und Wald, Felsen und Feldern – er ist das Konzentrat des Rheinsteigs. Manchmal mutet er licht und mediterran an, manchmal feucht zerklüftet durch die Bachtäler, manchmal rural auf Pfaden über Wiesen und manchmal knüppelhart abweisend auf kahlen und verwitterten Felswegen. Manchmal ist er freilich auch ganz normal – und man könnte genauso gut im Teutoburger Wald sein. Dann wieder kommen grandiose Aussichtspunkte auf die linksrheinische Seite. Man meint, die gesamte Eifel zu sehen, oder den Hunsrück. Oder auch nur eine blöde Brauerei. Und im nächsten Augenblick nimmt man die Landschaft überhaupt nicht mehr wahr, weil der Trail zu schwierig geworden ist und die gesamte Konzentration an sich saugt.

Urheber: Rainer Henkel. Lizenz: http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/legalcode

Schlimmstenfalls hasst man die Landschaft auch mal – beispielsweise beim Klettern in der Ruppertsklamm bei Lahnstein (Bild oben). Ich gebe zu, dass mir bisweilen sogar die Weinreben auf die Nerven gehen, – weil unten in den Dörfern meist zu viel Wein-Brimborium veranstaltet wird. Allerdings sollte ich jetzt hinzu fügen, dass der Weinbau auf dem Steig keinesfalls so weltbeherrschend wirkt, wie vom Fluss aus betrachtet. Oft lässt der Weg den Wein rechts liegen, und manchmal entdecke ich sogar einen Hauch Verwegenheit an den Reben, so gezähmt und gefesselt sie sind, – eine ferne Erinnerung an ihre wilde Herkunft zwischen Steinen. Dafür kann man die herzlose Juli-Sonne aber gerne mal hassen… oder die Treppenaufgänge. Ja, in Extremsituationen kann man sogar die freundlichen Menschen der Region zum Teufel wünschen. Etwa dann, wenn sie 100 Meter unter dem gewählten Schlafplatz bis tief in die Nacht hinein grölen, weil das Grölen bei ihren Maifesten große Tradition hat. Oder wenn sie den Rheinsteig gar nicht kennen, dem eingekehrten Biker aber partout eine Hollandrad-taugliche Alternative aufschwatzen wollen (da oben kannste nämisch net fahren, dat is Walachei). Und dann liebt man sie wieder innig wegen der Bewunderung, die man von ihnen erfährt… weil man den Felsstufen im Weinberg ein Weiterkommen abgetrotzt hat. Oder wenn sie so lecker und preiswert kochen wie in der Gaststätte Stadt Mainz in Kaub.

20110821-145905.jpg

Wofür sie der wild biwakierende Biker oder Wanderer wiederum gründlich verfluchen kann, ist dass sie militant spät aufzustehen scheinen – insbesondere sonntags und am virtuosesten im Rheingau. Wer frierend um sieben Uhr morgens an den Fluss runter fährt, weil er heißen Kaffee braucht, ist eine arme Sau. Er sollte vor allem an den malerischsten Orten kaum damit rechnen, dass innerhalb der nächsten zwei Stunden auch nur eine Tankstelle aufmacht. Eine pittoreske Heimat scheint mancherorts unglaubliche Gelassenheit zu generieren, als müssten die Menschen dort nichts mehr zum Gesamteindruck beitragen. Diese Haltung ist – genau genommen – eine sympathische und durchaus bescheidene. Nur darf man halt nichts von ihnen wollen. Was mich zum Thema Versorgung allgemein bringt: Auf dem Rheinsteig braucht man mehr als eine Trinkflasche, nicht nur an heißen Tagen. Sonst werden die Nachfüllabstecher in die Dörfer inflationär. Man braucht auch Riegel oder sonstige Snacks, ganz wie in viel einsameren Gegenden. Der Clou ist ja hier, dass man in unmittelbarer Nähe der Zivilisation selbiger fern bleibt. Gewissermaßen ist das sogar der Nenner des Rheinsteigs überhaupt.

20110820-181215.jpg

Einerseits heißt dies, daß der Rheinsteig letztlich auch nachsichtig ist. Der nächste Rückkehrbahnhof ist selten weit entfernt, die Mogelpackung auch nicht. Zur Erholung könnte man theoretisch ein paar Kilometer flach am Wasser radeln. Aber andererseits: Integere Menschen müssten sowas dann zugeben und integere Biker begingen diese Beichte so ungern, dass sie alles dran setzen, sie zu vermeiden. Selten gibt es kurze ‘regelkonforme’ Uferberührungen wie bei Ehrenbreitstein oder an der Lahn. Biker bleiben also auf dem Höhensteig. So lange es geht. Und es geht. Manchmal aber nur… gerade eben. Das ständige Auf und Ab der Bachtäler ist ein regelrechtes Intervalltraining über viele Stunden. Unter den Blicken des wandernden Fußvolks ist das oft sogar doppelt schwer: Ist ihr Anstacheln wirklich aufbauend gemeint? Vermutlich ja, doch kostet ein humoriger Gegenspruch zuweilen die letzte Kraft… als wäre überhaupt noch letzte Kraft vorhanden. Da braucht es am Tagesende auch eine gute Nachtruhe in einem idealerweise weichen Bett – dann aber viel Spaß all denen, die sich mit vorgebuchten Zimmern in viel zu langen Abständen komplett überfordert haben (weil das Wort “Rhein” doch so spazierlich klang).

Autor: Brühl, Lizenz: public domain

Unser Mitgefühl muss aber gleichermaßen denjenigen gelten, die bei der Auswahl des Biwakierplatzes im Wald die verdammte Eisenbahn am Fluss übersehen haben… die jetzt hammerhart durch die Nacht donnert. Daumenregel: Wenn man den Fluss erkennen kann – auch nur ansatzweise – könnte der Schlafplatz schon wegen der Güterzüge zu laut sein. Keineswegs geräuschlos sind außerdem Rheinschiffe, Baustellen und die schon erwähnten Volksfeste. Man vertut sich an der krassen Abbruchkante oft mit der Entfernungseinschätzung und hält die Ortschaften für weiter weg, als sie es eigentlich sind.

20110821-095212.jpg

Mit zunehmender Unverfrorenheit merkt man allerdings, dass selbst die komfortabelsten und offenkundigsten Schlafstellen nachts nur selten Besucher anlocken. Gegen alle waldläuferische Weisheit habe ich schon in Betonunterständen am Weinbergweg genächtigt – bei sehr verspäteter Losfahrt in Bonn sogar einfach mal an oben abgebildeter Vesper-Suite bei Unkel. Wer also wegen der Zivilisationsnähe Bedenken hat, sich zum Schlafen in die Büsche zu schlagen, kann diese Skepsis beruhigt vergessen. Das Grundmuster der Dorfjugend fast überall scheint zu lauten, dass sie spätestens bei Sonnenuntergang zum Gelage eintrudelt, – ansonsten eben anderswo ist. Ebenso selten ist der berüchtigte Besuch von Jägern und Förstern. Ich bestreite die Existenz solcher Leute natürlich nicht, doch kreuzen sich unsere Wege nie. Selbiges gilt für ihre Klientel – zum Beispiel wurden meine Lager noch nicht von Wildschweinen zertrampelt.

Autor: Holger Weinandt, Lizenz: http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode

Hingegen sind Ameisen kein jagdbares Wild und scheuen meine Nähe überhaupt nicht. Auch die Umgebung von Mülltonnen an Aussichtsplätzen ist wegen proviantraubender Ratten nachts zu meiden. Ansonsten gibt es aber auch interessante Tiere zu sehen: wärmeliebende Mauereidechsen eigentlich überall und nicht nur an Mauern wie die unten abgebildete, stellenweise und mit phänomenalem Glück sogar die Smaragdeidechse. Die wohnt angeblich etwa bei der Marksburg (oben). Manchmal gigantische Feuersalamander sind wiederum bei Regen im Siebengebirge unterwegs. Dort überfuhr ich dieser Tage auch beinahe eine Ringelnatter. Letztere sind aber bekanntermaßen weder giftig noch nachtaktiv – kriechen daher wirklich keinem in den Schlafsack. Nächtliche Entwarnung also bis auf eine einzige Bestie: den alles zerfetzenden Nachhunger der Tagesstrapatze, der mich nachts auch nach üppigstem Abendbrot überfällt. Rüdiger Nehberg fräße vermutlich Nacktschnecken – der kennt das Phänomen bestimmt auch. Ich pfeife auf die reine Schule und nehme lieber Schokolade mit. Die von Aldi kostet sowieso nur ein paar Cent.

Autor: www.rheinsteig.de

Der Rheinsteig ist aber auch für Wildschläfer nicht gerade billig. Ich selber brauche rund 40 Euro am Tag, es sei denn, ich suche am Ufer nach Dönerbuden. Erfreuliches Essen gibt es nur selten fast nachgeworfen, wie man es beispielsweise von vielen Alpen in Österreich kennt. Überteuerte Schnitzelküche aus Eimern lässt sich natürlich überall finden – gleichwohl gibt es für Findige auch Restaurantperlen, die trotz leckerer Kochweise bodenständig genug sind, unsere verdreckten Bikerklamotten zu dulden und unsere Budgets zu respektieren. Auf der Kostenseite wäre noch die Rückfahrkarte per Zug zu nennen – in Rheinland-Pfalz fährt das Bike übrigens umsonst mit. Das ist allemal stressfreier als das Zurückradeln zwischen Inlinern auf Radwegen am Rhein. Die Fahrradabteile sind aber insbesondere am Wochenende beliebt und können voll sein. Gerne lassen Grüppchen nach 15 Kilometern Flachradelei am Fluss den Flachmann zur Feier der eigenen Leistung kreisen. Wenn sie das im Zug tun und dabei singen (und das versuchen sie glatt), kann es dem verschwitzten und basiserschöpften Biker auf die Nerven gehen. Besonders wenn sie Sitzplätze haben.

Lizenz: gemeinfrei

Zum Zeitaufwand: Der Rheinsteig soll insgesamt über 14.000 Höhemeter haben (wegen der Tragepassagen ist eine genaue Messung mit dem Tacho schwierig). Wer das an drei Tagen zu schaffen vorgibt, ist ein Tier. Selbst fünf Tage wären eine beachtliche Leistung – und sechs noch eine ziemlich stramme. Komischerweise wollen die Leute im Internet aber selten zugeben, sechs Tage für nur 320 Kilometer am trägen Rhein gebraucht zu haben. Es kursieren also recht unglaubwürdige Ratschläge zum Zeitbudget. Ich veranschlage dieses mal großzügiger: Auch sieben Tage wären noch okay.

Urheber: Doris Antony, Lizenz: http://de.wikipedia.org/wiki/GNU-Lizenz_f%C3%BCr_freie_Dokumentation

Dazu ein Rat für Leute, die ihre gesteckten Ziele mal verfehlen: Clevere Beschleunigungsschübe am Flussufer sind – von oben bereits erwähntem Ehrenkodex ganz abgesehen – fast schon vergeudete Lebenszeit. Man versäumt im Tal nicht nur die anaerobe Anstrengung, sondern auch die Vielfalt. Da unten ist das Erlebnis nämlich sehr viel monotoner, als die kommerzielle Rheinromantik wahrhaben will. Ich fühle mich nach kurzer Zeit landschaftlich eingeengt, von Autos gejagt und von bemaltem Fachwerk eingelullt. Zudem frage ich mich manchmal, wie viele Loreley-Klons die Geologie hier auftischen will. Irgendwann werden sie aus der Mausperspektive langweilig – man muss da schon rauf und runter fahren, um die Klötze nachhaltig lieben zu lernen.

Besser wäre es für Zeitgestresste, die vorgenommene Strecke einfach einzudampfen. Schließlich liegt der Rheinsteig nicht in Neuseeland. Man kann also durchaus wiederkommen. Ja, und bei diesem Gedanken kann es auch im Tal mal ganz hübsch sein – nämlich dann, wenn sich zum letzten Espresso vor dem Bahnhof schon Pläne zu schmieden beginnen. Das tun sie komischerweise ganz von selbst. Vor allem bei Sonnenuntergang. Trotz schmerzender Beine und sogar dann, wenn die Route dich mal besiegt hat.

Bregenzer Wald und Allgäu

Auf einer Alpe sitzen und für wenige Cent Ziegenkäse essen. Die Fahrt geht an Schleppliften vorbei, die im Sommer so aussehen, als wären sie seit 20 Jahren außer Betrieb. Es ist fast, als verschonte der Tourismus den Bregenzer Wald in der warmen Jahreszeit noch immer.

20110819-094634.jpg

Die ersten drei Einträge dieses Blogs spielen im Bregenzer Wald und im Allgäu. Beginnend mit dem Tourenstart im Lindau am Bodensee lassen sie sich  – von ‘unten nach oben’ gelesen – als Serie konsumieren:

Über Pfänder und Bödele

Höher: Kanisfluh und Furkajoch

Vom Diedamskopf ins Allgäu

Dabei tun sich drei Grundmuster für eigene, auch mehrtägige Tourenpläne in der Region auf: von Lindau (Bahnhof) über den Bregenzer Wald ins Montafon (oder auch zum Rätikon), ins Kleinwalsertal oder ins Allgäu. Wer sich mit der letzten Variante anfreunden kann, findet auch schon gut erprobte Vorschläge für den zweiten Teil der Tour.

Vom Diedamskopf ins Allgäu

Über die Nachbarsättel des gewaltigen Diedamskopfes geht es vom Bregenzer Wald zum Kleinwalsertal oder ins Allgäu – letzteres über Schönenbach, dem Welthauptdorf der Kasspatzen. Von Varianten abgesehen endet die Doppeletappe dann am Bahnhof von Fischen.

Wer auf den Diedamskopf bei Schoppernau fährt, nimmt rund 1200 recht steile Höhenmeter am Stück auf sich. Menschen tun soetwas wahrscheinlich aus sportlichen Gründen – doch ohne den Panoramablick am Ende der Mühen (obiges Bild) wären es vermutlich nur die Härtesten. Weiter als bis oben geht es hier nämlich nicht… man müsste schon ein Stück zurück und zum Gerachsattel hinüber setzen, um per Wandersteig den Weg zur Schwarzwasserhütte und ins Kleinwalsertal zu finden. Ich habe das noch nie getan, weil es dem Vernehmen nach beschwerlich ist. Das Bike möchte hier offenbar bergab getragen werden, sogar von sehr versierten Fahrern. Selbiges verlautet für den Weg vom Gerachsattel nach Schönenbach, zumindest für die erste Stunde einer solchen Expedition.

Hinzu kommt, dass der Gerachsattel satte 300m tiefer liegt als der Gipfel des Diedamskopfes. Wer nicht vor Kräften platzt, fährt ihn daher wenigstens direkt an und spart sich den Umweg über den Himalaya (außer natürlich wegen der gezeigten Aussicht, die auch ich mir in einer Halbtagestour einmal erarbeitete ).

20110816-155959.jpg

Einheimische raten zu einer deutlich menschlicheren Alternative – Einheimische tun das fast überall, wie ich festgestellt habe. Sie lassen den Diedamskopf rechts liegen, um von Au Rehmen (dort auch ausgeschildert) über den Stogger Sattel (1470m) nach Schönenbach zu gelangen. Im Bild unten (Seitenblick zum Diedamskopf selbst) sieht man trotz düsteren Wetters, dass auch dieser Weg landschaftlich spannend sein kann. Fahrtechnisch gilt das weniger – was bergauf aber nicht von Nachteil ist. Die Steigung ist machbar und die Wegbeschaffenheit weitgehend problemfrei. Nur kurz vor der Höhe wird der Untergrund ein bisschen ruppiger.

20110812-151412.jpg

Leider fehlt aber auch fast jeder Trailkick bergab (Bild unten) – das hat man in den Alpen vielfach davon, wenn man auf ortsansässige Radler hört. Die meisten legen auf Trails offenbar nicht viel Wert (vielleicht reicht ihnen der ganzwinterliche Abfahrtspaß beim Skifahren). So ist auf dem Weg nach Schönenbach allenfalls der Abstieg durch das allerletzte Waldstückchen technisch halbwegs spannend. Gleichwohl stellt die Empfehlung nach meinen Erfahrungen und Recherchen den besten Kompromiss dar. Und schließlich gibt es sie am Ende dieser langen (oder Doppel-) Etappe doch noch, die Trails. Sie lassen halt eine Nacht auf sich warten.

20110812-151442.jpg

Zwischendrin geht es aber gar nicht mehr ums Biken, sondern um kulinarische Superlativen; denn das in einem beckenförmigen Tal gelegene Schönenbach existiert offenbar nur wegen Brunos Käsknöpfle im Gasthaus Egender. Kenner bezeichnen sie glatt als die besten der Welt – ich selber muss beim Urteil passen, weil ich bei meinem einzigen Besuch des Lokals leider keinen Hunger hatte. Die Käsemischung ist ein Hausgeheimnis. Die Portionen sind riesig – ich habe sie gesehen. Dass auch der Kaffee ganz gut ist, kann ich ebenfalls bezeugen. Ansonsten ist in Schönenbach so wundervoll gar nichts los, dass die Stromleitungen und Autos im Dörfchen überraschen. Kaum 20 Häuser zählt die Gemeinde, so sie denn eine ist.

20110812-152307.jpg

Eine kurze, wellige Weiterfahrt auf Kies führt gut für Biker beschildert nach Sibratsgfäll, wo mich im feuchten Sommer 2010 freundliche Passanten schon weit vor dem Dorfeingang abfingen und fotografierten – weil Sibratsgfäll nun einmal das Hauptdorf der Freundlichkeit ist (und das so nahe am Hauptdorf der Kasspatzen!). Wer hier ein einziges Mal übernachtet, ist nie wieder ganz einsam; denn wenigstens postalisch hat man dann Freunde fürs Leben. Die Glückwünsche kommen alljährlich zum Geburtstag und zu Weihnachten, außerdem Briefe zu besonderen Aktionen und Preisangeboten – vom Hotel, vom Fremdenverkehrsamt, vielleicht sogar vom Supermarkt. Das klingt womöglich nur geschäftstüchtig, kommt aber tatsächlich richtig nett rüber. Zudem ist der Wirt des Gasthof Hirschen selber ein sehr ortskundiger Mountainbiker und kann gute Tipps geben. Wenn Biker Koffer hätten, sollten sie einen davon in Sibratsgfäll lassen.

Da obendrein die Fahrt von Schönenbach nach Sibratsgfäll ein paar landschaftliche Höhepunkte hat (Bild unten), ist das anhaltende Fehlen einer Trailkomponente vorläufig noch zu verschmerzen. Die Randberge des Kleinwalsertals imponieren hier, vor allem der Hohe Ifen mit dem Gottesackerplateau.

20110812-151539.jpg

Je nach Startuhrzeit schaffen fitte Fahrer jetzt noch locker die Weiterfahrt nach Balderschwang, dem niederschlagsreichsten Ort Deutschlands. Oder aber sie übernachten schon an Ort und Stelle im österreichischen Sibratsgfäll, sichern sich das fortgesetzte Wohlwohllen der Dortigen, gehen spazieren… und schlafen über die Entscheidung, wie es von hier aus weiter geht. Die Strecke teilt sich nämlich nun, und beide Optionen können mit Denkwürdigkeiten aufwarten.

So fährt man am nächsten Morgen (oder wann auch immer) ein Stückchen auf der Straße in Richtung Rohrmoos – möglicherweise aber auch ein ganzes Stück weiter ins Rohrmoos-Tal selbst und verläßt damit unsere eigentliche Route. Es handelt sich allen Beschreibungen zufolge um ein irre schönes Seitental voller Wildblumen. Ich war noch nie dort und werde das irgendwann mal nachholen. Danach würde es viel Sinn machen, die Tour im Kleinwalsertal fortsetzen. Die Aussicht darauf dürfte manche Biker verzücken, vor allem wenn sie das Gebiet vom winterlichen Skifahren her kennen.

20110818-191119.jpg

Wir vom zumindest theoretischen Hauptpulk hängen diese Abweichler aber ab. Wir verlassen die Rohrmoos-wärtige Straße schon gut drei Kilometer nach Sibratsgfäll per ausgeschilderter Linksabbiegung – und gelangen so über das rund 1500m hohe Sättele nach Balderschwang (unten und oben Bilder vom ‘Sättele-Weg’).

20110816-160118.jpg

Dieser Fahrtabschnitt mit herrlichen Blicken zu den Gottesackerwänden hinüber führt dann einigermaßen unweigerlich zur relativ steilen Riedbergpass-Straße, die in Balderschwang beginnt und gewissermaßen den Preis der bisherigen Routenführung darstellt. Tüftler mögen eine autofreie Alternative nach Grasgehren finden – wenn sie aber das Sättele und Balderschwang selbst umschifft, wäre das Manöver mit Erlebnisverlusten verbunden. Dazu zählte auch eine lukullische Erfahrung; denn den Wurtsalat im Schwabenhof am Ortsende von Balderschwang muss man zumindest einmal im Leben gegessen haben. Man stellt dabei möglicherweise fest, dass auch Motorradfahrer den Schwabenhof schätzen und die Passstraße relativ zahlreich nutzen. Aber selbst diesen Preis zahle ich gern, zumal auch die Riedbergpass-Straße blicktechnisch gar nicht ohne ist. Straßenhassende Puristen finden meine Kompromisshaltung und heimliche Sympathie für die Passstraße wahrscheinlich deppert. Andere werden stickum ganz froh sein, die sowieso erforderlichen Höhenmeter ausnahmsweise auf glatter Fahrbahn zu scheffeln.

20110812-151821.jpg

Nahe der Passhöhe (1420m) biegen wir dann links zur Skihütte Grasgehren ab, die im Sommer reichlich verlassen wirkt. Unser Mitleid mit dem Betreiber kann sich in Grenzen halten, weil im Winter bei ihm der Bär steppt. Ich habe hier noch nie subventionierenden Umsatz generiert, weil mir der menschenleere Parkplatz für eine Rast irgendwie besser gefällt als die gastronomische Terrasse. Man sitzt auf dem Boden, nuckelt an der Radflasche und schaut sich die kommende Herausforderung an.

Denn hinter der Hütte geht ein Weg nun supersteil auf den Riedberger Horn hoch – und leider müssen wir da mithalten, zumindest bis auf halbe Höhe. Wer das ganz ohne Schieben schafft, hätte vermutlich auch die Kondition, den Berg gleich abzutragen. Aber auch diese Selbstkasteiung geht vorüber, wenn auch nicht wirklich in Echtzeit. Kurz nach einem Zaunübergang verweist ein Schild bergab zum Berghaus Schwaben, und da ist er endlich – der lang ersehnte und auch einigermaßen lange Trail:

20110812-151842.jpg

Anfangs recht steil und auf der Kompasskarte “nur für geübte” Mountainbiker gekennzeichnet, geht er bald schon ins sogenannte Flow über… sofern er nur halbwegs trocken ist. Im Sommer 2010 fand ich ihn leider reichlich vermatscht vor, worin einerseits nach der langen ‘Anreise’ eine gewisse Tragik lag, andererseits aber eine prima Gelegenheit, meine wasserdichten Socken von Sealskinz auf die Probe zu stellen. Sie bestanden sie übrigens glänzend.

20110816-160206.jpg

Was man am Trail-Ende beim Schwabenhaus unbedingt vermeiden sollte, ist der Verlockung einer Fata Morgana nachzugeben. Der Steig, der sich nach kurzer Weiterfahrt rechts über die Alpe Hinteregg ins Bolgental anzubieten scheint, sieht nur von oben wie ein machbarer Bike-Pfad aus. Was ich tatsächlich vorfand, als ich’s einmal ausprobierte und in den Wald abtauchte, waren monströse Wurzelfelder – viel später von einer langweiligen Teerstraße gefolgt. Wegen der Gewitterstimmung im nächsten Bild erkennt man überdies nur sehr ungefähr, was mich zu dem Vorhaben verleitete. Nein, ums Nasswerden ging es mir nicht. Tatsächlich hoffte ich auf Fahrkitzel.

Unten ein Blick aus trockeneren Tagen. Ich bin auf kurzem Teerweg zur Bergstation der Bolsterlanger Hörnerbahn gefahren und schaue nun rückwärts zum Berghaus Schwaben und auf den Riedberger Horn dahinter. Rechts im Foto geht ein Abstecher zum Weiherkopf (1665m) hoch, wobei das Bike hier durchgehend zu tragen wäre, – das Panorama aber schier umhaut. Eine dann mögliche Variante wäre, vom Weiherkopf-Gipfel über die Hörnerkette nach Ofterschwang zu trailen. Ich habe das eine schon einmal gemacht, das andere aber bislang gelassen. Das liegt vor allem daran, dass ich gern ins Dörfchen Bolsterlang fahre, lieber als nach Ofterschwang.

Ausblickmäßig langt es freilich durchaus, wenn man ohne Kletterpartie auf den Weiherkopf von der Bergstation auf sehr steilem Asphaltweg zur Mittelstation der Hörnerbahn runter rollt. Dort ist dann das Sonderdorfer Kreuz ausgeschildert, von wo aus megakniffelige Trails nach Sonderdorf oder Obermaiselstein ausgewiesen sind, – leider sind sie eigentlich für Biker gesperrt (wer das Verbot respektiert, erreicht das Tal durch Fortsetzung der Teerfahrt). Über die Straße unten gelangt man anschließend ins nahe Bolsterlang.

Das lohnt sich allein schon deshalb, weil es dort einen Minigolfplatz gibt, der in unserer Familie Kultstatus genießt. Aber schließlich fahren wir schon seit Jahren und zu allen Jahreszeiten nach Bolsterlang, so dass wir kaum das Maß aller Dinge sind. Allgemein interessanter dürfte die Tatsache sein, dass im vergangenen Winter ein neues Café mit einem für die Ortsgröße recht umfangreichen Kuchen-Portfolio aufgemacht hat… ich weiß, ich rede sehr viel über Kuchen, aber ich halte ihn nun einmal für ein wichtiges Thema. Der Laden heißt “Bistro Charivaris” und atmet vielleicht eine Spur zu viel… New Age? Esoterik? Ich kann den Finger nicht richtig drauf legen – so allgegenwärtig solche Lokale in den beliebteren ländlichen Gebieten heute sind. “Rustikalszenig” wäre vielleicht ein treffendes Wort. Man lasse sich von meiner Ambientenskizze aber keinesfalls abschrecken, weil es im Dorf gar kein besseres Café gibt. Wie schon erwähnt sind die Torten einfach bombig.

Bleibt noch Fischen zu erwähnen, wohin wir nun per Straße zum Bahnhof bergab rollen. Es ist ein Kurort – und das merkt man. Gleichwohl ist Fischen aber auch das geschäftige Zentrum der näheren Umgebung. Daher lässt es sich ernst nehmen. Es hat viele Gaststätten, aber auch Banken und Sommerschlussverkäufe und Läden, die im August Schultüten verkaufen. Am Bahnhof wurden die Sommergäste früher mit Blasmusik empfangen – heute eigentlich immer noch, aber die Musik kommt jetzt aus Lautsprechern.

Außerdem habe ich in Fischen einmal ein abendliches Skilanglaufrennen auf der Straße gesehen, wofür zusätzlicher Schnee in rauhen Mengen per Lkw herangeschafft worden war (und nach dem Rennen auch flugs wieder geräumt wurde). Das war sehr eindrucksvoll: Wir saßen beim Griechen am Fenster und staunten als bloße Abfahrer heftig über das pur muskelgetriebene Tempo der Läufer. Der Winter stand auf seinem Höhepunkt, und das Biken war ziemlich weit weg.

Höher: Kanisfluh und Furkajoch

Hat man es erst einmal in den Bregenzer Wald geschafft, so konzentrieren sich die höchsten Erlebnisse eigentlich auf ein recht kleines Fleckchen Erde rund um die Ortschaften Mellau, Au, Schoppernau und Damüls. Klein ist das Areal allerdings nur im flächenmäßigen Sinne – Berge wie die Kanisfluh und Passhöhen wie das Furkajoch schaffen zeitfressende und himmlische Hindernisse.

20110812-130501.jpg

Der längste und schönste Umweg von Mellau nach Au ist gut beschildert. Er führt zunächst durchs Mellental (Bilder oben und unten), vom Ortskern Mellau zur Lindachalpe. Von dort folgt man dann lange Zeit den Schildern zur Wurzachalpe, passiert dabei so allerlei und hält schließlich nach der Edelweißhütte links nach dem erstbesten Bikeverbotsschild Ausschau. Dessen Daseinszweck umkehrend verlässt mancher Fahrer nun die vorgesehene Radroute und lässt es etwas kurzweiliger (hoffentlich dennoch umsichtig) nach Au hinab rollen. Alles in allem sind das rund 32km Länge und etwa 1200 Höhenmeter.

20110812-130804.jpg

Im wesentlichen hält man sich dabei an diese Tour:

Rund um die Kanisfluh

… nur eben andersrum und um Schließung des Kreises (Rückweg) gekürzt. Es gibt unter dem angebenen Link eine GPX-Datei für den Navi, den man allerdings kaum braucht; denn die Beschilderung ist wie schon erwähnt beinahe perfekt. Ums nackte Überleben muss man sich wegen der gastromischen Dichte (Alpen) unterwegs kaum Sorgen machen. Besonders empfiehlt sich der leckere and fast brutal preiswerte Ziegenkäse, der auf den bäuerlichen Terrassen serviert wird. Derart gestärkt dürften verbissene Biker nach dieser Etappe noch mühelos den Aufstieg nach Damüls schaffen. Gemütliche ziehen eine Übernachtung in Au vor, um erst am Folgetag gen Furkajoch zu starten. Alternativ zum Joch ließe sich eine mehrtägige Tour auch ins Allgäu oder zum Kleinwalsertal fortsetzen (mehr dazu im nächsten Beitrag).

20110812-130830.jpg

Da die Etappe Mellau-Au auf der Straße kaum zehn Kilometer und höchstens 100 Höhenmeter betrüge, könnte der Mehrtagestourer die abseitige Route über die Kanisfluh auch als einen Pass ohne zwingenden Sinn betrachten, – was das Vorhaben aber nicht lächerlich machen sollte. Zum Ausgleich für den streckentechnischen Nulldurchlauf bietet der Abstecher schon in relativ geringer Höhe ein einigermaßen hochalpines Erlebnis; und das ohne wirklich üble Steigungen als Preis der Erfahrung.

20110812-130907.jpg

Mit rund 1650m ist der höchste Punkt der Tour noch unbestritten mit Atmosphärensauerstoff erreichbar. Gelegentlich rollt man sogar ein paar Meter bergab – und außerdem gilt die mächtige Kanisfluh sowieso als Markenzeichen des gesamten Bregenzer Waldes, womit die Sache eigentlich entschieden sein sollte. Es gehört das Erkurbeln dieses Massivs zu jeder halbwegs gründlichen Aneignung des Terrains. Anders auf den Punkt gebracht: Den Bregenzer Wald an diesem Klotz vorbei erleben zu wollen, wäre wie eine Karibik-Kreuzfahrt per U-Boot.

20110812-130954.jpg

Während der Umrundung liegt die Baumgrenze bei etwa 1700m, teilweise auch tiefer. Kargere und schattig-bewaldete Passagen wechseln sich auf dem Weg bis zur Abfahrt nach Au fast zuvorkommend ab. Die Natur überrascht mit superber Vielfalt, die man von der Talstraße aus kaum ahnen würde. Sehr allein ist man dennoch bereits am Mellenbach und im Aufstieg zur Lindachalpe, und danach für einige Kilometer erst recht. Man sollte diese totale Abgeschiedenheit allerdings genießen, so sie andauert…

20110812-131035.jpg

… denn in der Nähe der Mellauer Bergbahn kommt es bei gutem Wetter zu einer kleinen Bevölkerungsexplosion, die sich im folgenden Bild erst ganz sanft andeutet. Zwar bleibt sie bis auf den unmittelbaren Liftbereich überschaubar. Dennoch kann von menschenleeren Wegen vorerst nicht mehr ausgegangen werden.

20110812-131116.jpg

Ein paar Spaziergänger, die sich den Aufstieg aus eigener Kraft erspart haben, mischen sich sogar noch bis zur Wurzachalpe unter das echtere Bergvolk, um dort eine Schlange vor dem Verkaufsfenster zu bilden. Das erhebt diesen Rastpunkt unter den übrigen bäuerlichen Nebenerwerbsküchen auf dem Berg zum regelrechten Ausflugsziel – für meinen Geschmack durchaus mit einem Anflug von Hype. Persönlich muss ich bei der Rührigkeit des Betriebs daran denken, wie ich dereinst im Freibad um Pommes anstand (das ist aber eine sehr harsche Assoziation, die vorwiegend im Kontrast zum einsamen ersten Etappenabschnitt begründet liegt. Läge der Schuppen bei Oberstaufen oder Oberstdorf, käme er mir vermutlich wie eine Auslandsniederlassung tibetischer Ruhe vor.)

20110812-131207.jpg

Schlussendlich legt sich aber das vage empörte Gefühl, von hoch-gebeamten Städtern eingeholt worden zu sein. Es hilft natürlich der Anblick solcher Typen wie des Weißbarts in obigem Bild – der kann nämlich gar nicht anders, als authentisch berglerisch zu sein. Zudem muss ich einräumen, dass meine Artgenossen die Hänge im weiteren Verlauf der Fahrt nicht wirklich wie Termiten überziehen. Was die Gondel heraufkarrt, schafft sie meist auch wieder mit runter.

20110812-131340.jpg

So darf sich der Bergradler trotz allem auf eine schöne, satte Schlusspassage ohne Hundebesitzer, Gesetzestextkenner und angefahrene Jogger freuen. (Dazu muss er bloß der prächtigen Versuchung widerstehen, sich kurz vor dem Abwärtstrail mit einem der hier verkäuflichen ‘Alpenschweine’ zu versorgen und es auf dem Oberrohr ins Tal zu bugsieren.)

20110812-131446.jpg

Immerhin: Knapp 800 Höhenmeter sind es, die ein Biker ab dieser Stelle bis Au hinunter verpulvern darf. Der Schwund unterwegs beträgt also rund ein Drittel der insgesamt erfahrenen Bergaufstrecke. Wer mit Höhenmetern lieber geiziger umgeht, sollte sich besser am nahe gelegenen Diedamskopf verlustieren. Dort erlebt man derlei Verschwendung nicht, weil es nur rauf und weiter rauf geht – den Unterschied spürt man dann am Tagesende (aber auch schon lange vorher).

20110812-131409.jpg

Was aber das erworbene Höhenkapital an der Kanisfluh anbelangt, so gilt nun eine recht häufige Ungerechtigkeit: Gesetzestreue erzielen die schlechteste Rendite – und schleifen ihre Bremsscheiben auf einem ereignislosen Wirtschaftsweg ins Tal. Unten angekommen, fühlt sich dann mancher zu recht um den Tageslohn betuppt. Für Outlaws stehen die Aussichten hingegen rosiger. Aber das kennt man ja.

20110812-131559.jpg

Diese wählen an der Gabelung nach der Edelweißhütte links den Weg über das Arhornen Vorsäß. Dazu müssen sie allerdings ein Bikeverbotsschild übersehen – was kein Tipp sein darf. Wer’s trotzdem tut, ergaunert sich einen schönen, flüssigen Trail… ihm sei aber geraten, es diesmal bei der einmaligen Ordnungswidrigkeit bewenden zu lassen. An der nächsten Gabelung folgt nämlich wieder eine Bikesperre linker Hand – und hier gilt dann nicht mehr, dass Verbote nur gespiegelte Empfehlungen sind. Bei der nunmehr doppelt(?) illegalen Variante winkt als Strafe eine fummelige Zisilierung des Schlusshangs mit kleinen Treppchen. Am zweiten Sperrschild also lieber rechts halten und in die Legalität zurückfahren. Dann fließt es dem Vernehmen nach leidlich. Dass man in den Kurven sehr rücksichtsvoll an etwaige Wanderer heranrollen sollte, versteht sich auf dieser Strecke von selbst.

Im Grunde dürfte der Trail nur blutigen Anfängern zu haarig sein – zumindest so weit ich ihn folgte (ich verlor mich zum Schluss in der bekloppten Treppchen-Akrobatik). Somit taugt er kaum zum unbestrittenen Tourenhöhepunkt, vermeidet aber immerhin einen faden Abgangsrülpser der Tagesmühen. Das täuscht natürlich nicht über die verschwommene Scham hinweg, den örtlichen – möglicherweise auch mal durchdachten – Regelungsversuchen einen durchreisenden Stinkefinger gezeigt zu haben. Ein bisschen ist das eben doch, als rauchte man im Ausland in der U-Bahn. Zuhause gelingen solche Befreiungsschläge eleganter und stolzer, weil man sich dort (moralisch) im Recht weiß.

20110812-131617.jpg

Das war’s aber auch schon mit meinen Gewissensbissen und Ausführungen zu dieser Etappe. Viel Muskel wird jetzt nicht mehr verbraucht. Und das Gewissen setzt sich halt durch – oder eben nicht. Oben ein letzter Blick auf die gehobene Bergwelt…

20110812-131633.jpg

… und schon findet sich das verdreckte Zweirad im Tal bei Au wieder – einem äußerst gastlichen Örtchen, das sich durch auskunftsfreudige Bewohner und sehr zivile Preise auszeichnet.

Ich übernachtete und frühstückte hier letztens für mickrige 23 Euro in einem wunderschönen Holzhaus bei einer lieben alten Bäuerin und den Andenken ihres langen Vorarlberger Lebens – darunter einem Aschenbecher mit der Aufschrift “Rock and Roll and Roses”. Morgens gab es den besten Schinkenspeck der Welt auf dicken, frischen Weißbrotschnitten. Abends zuvor hatte ich die Metropole zu Fuß erkundet, bevor ich friedlich auf der Terrasse eindöste und mein Bett erst gegen Mitternacht fand.

Übrigens: Wahrscheinlich gelang es mir sogar, den Ortskern zu identifizieren und fotografisch festzuhalten. Ganz sicher bin ich mir da nicht.

20110812-131707.jpg

Ob aber im pulsierenden Zentrum oder daneben, sollte man sich nun – idealerweise beim Abendessen – langsam Gedanken um die Weiterfahrt machen. Wer beispielsweise ins Allgäu will, wende den Blick zum Diedamskopf und dessen benachbarte Sättel (dazu demnächst mehr). Hingegen müssen sich Fahrer mit Zielen wie Montafon, Rätikon oder Bahnlinie um die Weiterfahrt nach Feldkirch kümmern. Das führt dazu, sich mit dem Furkajoch oberhalb von Damüls anzufreunden – keine absolut leichtfüßige Vorstellung, wie ich einräume. Es gibt aber wirklich auch Wilderes.

20110812-131721.jpg

Bei gutem Wetter würde ich den zunächst bewaldeten und straßenabseitigen Weg über Faschina nach Damüls wählen, um die Jochstraße nur für die letzten fünf Kilometer des Aufstiegs zu bemühen. Damit addiert man zwar ein paar Höhenmeter zum Gesamtbudget, schenkt sich aber weitgehend das traute Zusammenspiel mit den Motorrad-Freaks. Dergleichen ist aber manchmal nur Planspiel. Angesichts des wirklich starken Regens am ersten Augustsonntag sah ich mich kürzlich zu einem schäbigen Cheat veranlasst. Der beinhaltete nicht nur die Asphaltstraße nach Damüls, sondern schon bald auch den Postbus (dessen Fahrer ich etwas mühsam zur Bike-Mitnahme überreden konnte).

20110812-131751.jpg

Dennoch verließ ich den Skiort Damüls bereits klatschnass, um die letzten 400 Höhenmeter auf das Joch zu erradeln. Meine Bilder von diesem Tag erzeugen fast sämtlich Assoziationen mit Schottland – es fehlen die Aussichten und es regiert die einfachste Formel: 2H + O. Nur vereinzelte, fanatische Motorradler aus Wuppertal oder Eindhoven brachen den Rhythmus des Regens. Meine Kamera konnte sich über nichts so richtig freuen, gefiel sich in düsterer Poetenpose.

20110812-131820.jpg

Weil das ziemlich einseitig werden könnte, bemühe ich an dieser Stelle kurz die Fotokünste meiner Frau, mit der ich das Furkajoch (1761m) schon einmal bei besserer Witterung besichtigt hatte. Hier der Blick von der Passhöhe nach Nordosten:

Heerscharen von Motor- und Rennradfahrern hatten sich seinerzeit vor der Imbisshütte auf der Höhe versammelt. An- und Abflüge wie an einem Bienenstock. Hamburger, Kaffee, Zigarette, Geschirr zurückbringen… Motorendonnern, Schichtwechsel.

20110812-131827.jpg

Oben hingegen: “Zum Charly” am 7. August 2011. Selbst die genial gewürzte Hauswurst mit noch schmackhafterem Kartoffelsalat bot kein Trost – mir nicht und dem Wirt (Charly?) auch nicht. Während letzterer ein paar gesamtkonjunkturelle Gedanken über den Sommer und den Tod der Gerechtigkeit formulierte, arbeitete ich beharrlich an der Wiederherstellung einer Beziehung zu meinen halb erfrorenen Fingern.

Unten ein Bild der routentechnischen Aussichten bei etwa neun Grad und anhaltendem Regen. Der ansatzweise erkennbare Trail nach Bad Laterns war kaum zu fahren, weil vorwiegend heftigst vermatscht und ansonsten nur rutschig. Zudem drohte die Unterkühlung. Nach einer Weile hielt ich mich lieber an die gottlob noch nahe Jochstraße: immerhin aber auch 18 Kilometer Frierpartie bis Rankweil.

20110812-131844.jpg

Sollte ich die Fahrt eines Tages bei besserem Wetter optimieren, so nähme ich rechts bei Bad Laterns die Abzweigung durch den Wald nach Mazona, um von dort – wie ich in einem Blog einmal las – über Laterns und Suldis auf eine “hammergeile” Abfahrt nach Rankweil zu stoßen (mehr stand da nicht). Das hatte ich eigentlich auch vor und fand sogar einen ersten entsprechenden Wegweiser, begrub aber auch diesen Plan wegen der nassen Kälte. Ob ich bei derart spärlichen Angaben auch besagten Trail entdeckt hätte, steht in den Sternen. Aber “hammergeil” wäre mir das Risiko eines vergeudeten Umwegs schon wert gewesen. Im Gegensatz zu richtigen Erwachsenen kann ich mir unter dem Ausdruck durchaus etwas vorstellen (wohingegen mich durchschnittlichere Routenbeschreibungen oft mit abgehalfterten Adjektiven kirre machen).

20110815-224106.jpg

An diesem Wasserfall bei Rankweil versagten meine Finger schon beim Fotografieren. Ein Beistehender half mir freundlicherweise, das Motiv dennoch zu verewigen, – fand meine eigene Präsenz im Bild aber unerlässlich. Persönlich denke ich, dass man den Wasserfall dadurch kaum noch sieht, wohl aber meine Abgeschlafftheit.

Wenige Kilometer weiter fand ich vor Feldkirch ein sogenanntes Motel mit Grillstube, in der rein gar nichts lecker, nett oder preiswert schien. Auf der Toilette zog ich trockene Klamotten an. Zwei Kaffee verdrückte ich trotz des blamablen Preis-Leistungsverhältnisses. Dann fuhr ich in Richtung Innenstadt. Der Temperaturanzeige meines Radcomputers entnahm ich inzwischen eine Aufwärmung auf über 20 Grad im Tal. Dazu passte die Kurzärmeligkeit der Rennradler, die mich ständig überholten. Subjektiv fand ich die Messung schamlos optimistisch und zitterte weiter wie ein Nacktflitzer auf Grönland.

20110815-224114.jpg

Langes Nachfrieren auch im historischen Stadtkern, wo ich in verschiedenen und unterschiedlich warmen Cafés den Kuchen probierte und versuchte, mich für die Geschichte der Gegend zu interessieren. Da gab es Montforts, Habsburger und Liechtensteiner, Jesuiten und eine Burg – das alles entnahm ich einem Faltblatt, hatte aber bei erneut einsetzendem Regen so gar keine Lust, mir die Zeugnisse dieser Vergangenheit draußen anzuschauen.

Da aber Menschenverstand dem dem Homo Sapiens eigentlich ein Fremdwort ist, rückt das Gehirn solche Torturen schon bald in ein verblüffendes Licht. Unter der Gedächtnisrubrik “Abenteuer” verbirgt sich so manche Vollpleite im Leben – womit ich aber eigentlich nur die allerletzten Stunden der Tour und ihre Nachwehen meine. Und so bleibt inzwischen der Wunsch: An dieser Stelle möge im nächsten Jahr die Fahrt ins Montafon beginnen.

Über Pfänder und Bödele

Sicher führen viele grandiose Mountainbike-Wege vom Bodensee in die Alpen. Persönlich diente mir in den letzten Jahren vor allem der Bregenzer Wald als Eingangspforte – von Lindau direkt über den Pfänder zu erreichen oder einige Kilometer südlich über den Losenpass (Bödele) bei Dornbirn.

20110811-110914.jpg

Mit rund 1000 Metern Höhe wächst der Pfänder gleichsam direkt aus dem See (400m) und überragt die Opernstadt Bregenz – ein grüner, weitgehend bewaldeter Berg, der zwar keine Iron-Man-Kondition verlangt, gleichwohl aus der Ferne unterschätzt werden kann. Von Lochau führt eine Autostraße fast bis zum Gipfel und bietet (Bild oben) sagenhafte, wenngleich sehr wetterabhängige Blicke auf die riesige Wasserfläche und ihre Umgebung. Fahrtechnisch ist die Straße dafür ziemlich eintönig: Asphalt eben nur. Etwas kurzweiliger kurbelt es sich diesbezüglich auf dem Umweg über Hohenweiler, Möggers und dem Pfänderhöhenweg (Bild unten) – auch von der einsameren Stimmung her ein passender Tourenstart, wie ich finde.

20110811-114041.jpg

Oben angekommen steht für mich immer wieder dieselbe Abfahrt an – durch den Wald hinunter ins Nestchen Langen, wo es guten Apfelstrudel gibt. Der Weg mag trailscheuen Genossen stellenweise ein bisschen ruppig sein, weshalb sie vor allem bei Nässe kurze Tragepassagen einplanen sollten. Freeride-Magie verlangt er allerdings nicht – als Maßstab mag die Fähigkeit gelten, ein paar Treppenstufen zu bewältigen. Mittelgebirgsbewohner mit mittlerer Traute fühlen sich hier sicherlich wohl und bleiben im Sattel.

In Langen bieten sich dann ein paar Kilometer Straße in Richtung Doren an. Dabei aufpassen: Schon bald geht’s rechts zum Campingplatz in Bozenau hinunter und damit auch zur Trasse der früheren Bregenzerwald-Eisenbahn, die heute als Fahrrad- und Wanderweg an der Bregenzer Ache nach Egg weiterführt. Das Foto unten deutet den Kiesweg nur minimal an (untere linke Ecke). Technisch aufregend ist er nicht – sondern angenehm und flach. Doch gefällt es mir, für eine Weile am klaren, sauberen Wasser entlang zu radeln. Nach der Anstrengung und dem Trailkick am Pfänder kommt mir die Beschaulichkeit entgegen. Es gibt eben soetwas wie Tourendynamik – vermessener gesagt: die Sinfonie einer Tour.

20110811-120454.jpg

Ankunft in Egg (Foto unten): Der Wald weicht zurück und die Bergwelt beginnt, sich zu öffnen. Gut beschilderte Radwege führen nun weiter nach Andelsbuch, Bezau, Schnepfau oder Schoppernau – wo das alpine Biken freilich erst beginnt.

20110811-114608.jpg

Vollends komplett ist der Szenenwandel jedenfalls spätestens in Mellau (nächstes Bild). Hier wie an den meisten Orten im Bregenzer Wald gilt übrigens: Im Sommer herrscht das Gegenteil von Bettenmangel. Es müsste schon viel schiefgehen, wenn man – auch spontan – kein preiswertes Zimmer für die Nacht bekäme; denn diese Dörfer sind auf den winterlichen Skitourismus ausgerichtet und feiern erst in der vereisten Jahreszeit ihre Hauptsaison. Da ich gleichwohl stets mit Biwak- und Schlafsack unterwegs bin, stehen mir sowieso alle Optionen offen.

20110811-120531.jpg

Aber natürlich geht das Ganze auch anders – touristischer nämlich (und gleichwohl ein bisschen eigentümlicher).

Etwa 400 Höhenmeter spare ich von Lindau nach Mellau, wenn ich die Alternativroute über den Losenpass wähle. Zudem ist sie entfernungsmäßig kürzer und spart Zeit. Für mich entdeckt habe ich sie in diesem Sommer.

Das Gebiet um die Passhöhe (1150m) heißt Bödele, und zuweilen wird auch der Pass selbst so genannt. Für die Fahrt dorthin bietet sich einfach die Hauptstraße von Bregenz nach Dornbirn an – sie gestaltet sich durchaus interessanter, als man denken könnte. Die fruchtbare Ebene des Rheindeltas, aus dem die Berge unangekündigt und krass emporsteigen, präsentiert sich als kontrastreiche, wenngleich stellenweise verdorbene Schönheit. Auf die Imposanz der Natur hat der Vorarlberger zwar mit der Schaffung abstoßender Gewerbeareale reagiert…

20110811-201407.jpg

… doch zwischen den Möbelhäusern tun sich wie im obigen Bild üppige landwirtschaftliche Oasen auf – auf dem nächsten Foto sogar ein regelrecht englischer Park vor alpinem Hintergrund. Fahrtechnisch betrachtet ist das natürlich tote Zeit. Das gebe ich unumwunden zu. Aber muss es immer prioritär um das Pedalieren gehen? Schlussendlich sind wir Biker doch einfach auch Reisende. Noch banaler: Wir sind im Urlaub.

20110811-201247.jpg

Der Blick zurück auf der Bödelestraße (Bild unten) verdeutlicht die ganze geologische Ungeheuerlichkeit dieser Abbruchkante besser als jede andere Perspektive, die ich kenne. Das ist zwar kein eigentliches Bike-Erlebnis, wohl aber eine allgemeine Reiseerinnerung der Exklusivklasse – natürlich auch ein Super-Urlaubsfoto.

20110811-201312.jpg

Sehr deutlich beschildert ist übrigens der entsprechende Linksabbieger im Dornbirner Stadzentrum. Er führt mit mäßiger Vehemenz bergauf, sodass konditionell keine Überforderung zu befürchten ist. Allerdings sind die Panoramablicke auf den Bodensee (nächstes Bild) während des Aufstiegs leider rar, und die bewaldete Umgebung wird deutlich eintönig, was Ungeduld aufkommen lässt. Da die Straße überdies von stressigen Motorradfahrern und Porsche-Flitzern geliebt wird, entsteht zuweilen eine gefühlte Strapaze, die der tatsächlichen Steigung wenig entspricht.

20110811-114724.jpg

Wenn ich das nun einräume, fragt man sich vermutlich, ob ich diesen Weg wirklich ernsthaft empfehle. Die bejahende Antwort liegt nicht nur in der Großartigkeit der Abbruchkante, sondern auch im nächsten Bild begründet. Denn auf dem Bödele ist man ganz irre plötzlich mittendrin in der Bergwelt – und diese Plötzlichkeit ist es, die den gesamten Routenverlauf adelt. Der Baumvorhang geht abrupt auf, und die Gipfel breiten sich vor dem Aufsteiger aus. Man atmet tiefer, die Uhren ticken bedächtiger und der Wetterbericht sticht jede Börsennotiz. Kurzum: Man ist in den Alpen – und ihrer bloßen Postkartennähe entkommen.

20110811-115846.jpg

Hier oben könnte schon alles ziemlich rund sein. Allerdings wären umfassende Ortskenntnisse jetzt nicht übel. Denn gerade in den Alpen gilt auch: Willst du hart erkämpfte Höhenmeter glanzlos vernichten, stehen dir alle Möglichkeiten offen. Fast immer erweisen sich der offenkundigste, aber auch der zweitoffenkundigste Weg ins nächste Tal als fade Enttäuschung – und wer den zuverlässigen Abfahrtkick will, braucht speziellere Infos, als die Landkarte gemeinhin bietet.

Mir tue man es jedenfalls nicht nach; denn bei meiner bislang einzigen Abfahrt vom Bödele nach Schwarzenberg tätigte ich einen meiner gewohnten Fehlgriffe und erwischte von drei Varianten allenfalls die zweitbeste. Gegenüber vom Restaurant auf der Passhöhe beginnt ein rot (fürs Fußvolk also mittelschwierig) beschilderter Wanderweg als Alternative zum Asphalt. So weit so gut – dass sich solche roten Steige oftmals als beste Lösung für trailsuchende Biker erweisen, bleibt allerdings nur Daumenregel. Dummerweise spaltet sich nämlich der Weg – einerseits über den Baientobel und andererseits über den Eixer Tobel – und wie es der innere Zufallsgenerator wollte, wählte ich letztere und dämlichere Option (Foto unten). Gespickt mit Nettigkeiten wie nassen Holztreppen ließ die Route kein flüssiges Fahren zu. Vielmehr erinnerte das Stop, Stolper and Go ganz eigentümlich an eine frühere Pleite: meine erste Tanzstunde. Später erfuhr ich aus einem Blog, dass die Alternative über den Baientobel zwar fahrtechnisch ziemlich anspruchsvoll, indes bei passendem Können auch ‘flowiger’ zu absolvieren sei. Überprüfen konnte ich das bislang leider nicht, habe es aber vor. Voraussichtlich berichte ich dann.

20110811-114811.jpg

Gehüpft wie gesprungen (oder getragen wie gerollt?) sind solche Details freilich am Ende des Trails und auf der Weiterfahrt nach Bezau. Da deutet sich doch sichtbar die zunehmende Wildnis an, die ja irgendwann sogar in den Größenwahn der Dolomiten münden wird, – sofern man nur weiterradelt. Riesige Felsklötze, die immer nur riesiger und nackiger werden, bloß noch mit einer Mütze aus ewigem Schnee bekleidet…

20110811-121541.jpg

… wäre da nicht zwischendurch noch der Kniff mit den Touristen-Euros: zum Beispiel die schmalspurigen Überreste der Bregenzerwald-Eisenbahn, die ich bis dahin für gänzlich stillgelegt hielt. So trödelt bei Schwarzenberg doch noch eine Dampflok auf wenigen Kilometern der einstigen Fortschrittsader. Die Waggonfenster sind offen und die restaurierten Abteile voller Familien aus Detmold oder so. Es gibt eine Bar, und man hört den vorbeifahrenden Gesang der Zechenden. Bei dem Anblick kommt irgendwie Western-Gefühl auf (ganz logisch ist das nicht). Andererseits muss ich aber auch an Lego denken. Außerdem wartet man am Bahnübergang glatt den halben Tag.

20110811-181454.jpg

Okay, das ist nun hart am Rande des Kitsches. Eigentlich bereits drüber.

Genau genommen: Alpen-Bilderbuch für Tante Mechthild.

Oder rollende Saufbude für die Karnevalsgesellschaft Appelkörner 1979 e.V.

Die ansonsten gelungene Einstiegsetappe der Tour endet mit diesem Frontalangriff auf die Outdoor-Ästhetik. Eigentlich ist es ja noch früh am Tag, aber irgendwie ist mir der Biss vergangen. Ich rolle noch per Straße ein paar Kilometer, weil es am Ortseingang von Bezau hammerleckeren Kuchen gibt. Das weiß ich schließlich, weil ich schon öfter da war. Vermutlich ist von derlei Know-how die Rede, wenn in hehren Bike-Foren die “alpine Erfahrung” bemüht wird. Ich finde ja, davon kann der überlebensorientierte Mountainbiker in dieser menschenverachtenden Wildnis nie genug haben.

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

%d Bloggern gefällt das: